Eduard Mörike und Wermutshausen

Hans Brucklacher

Eduard Mörike und Wermutshausen


Immer wieder die erstaunte Frage: wie kommt Mörike eigentlich nach Wermutshausen? Wer dieses abgelegene fränkische Dörflein und den eigenwilligen Schlag seiner Einwohner kennt, wird diese Frage verstehen können. Darum muß man hier wohl etwas weiter ausholen um des besseren Verständnisses willen:

Vorherige Station war Cleversulzbach bei Neuenstadt an der Linde. Mörike glaubte nach den Jahren als Vikar und einigen außergeistlichen Berufsversuchen erkannt zu haben, daß er all jene Pläne, die sein ganzes Herz erfüllten, auf keinem Fleck der Erde sicherer verfolgen könne als in der Dachstube eines württembergischen Pfarrhauses.

Doch Mörike hatte keine kräftige Konstitution. Er war hypochondrisch veranlagt und beobachtete sich selber fortwährend und ängstlich. Dies steigerte seine Empfindlichkeit und die Unlust, seinen Beruf auszuüben. Zweifel über die Richtigkeit seiner Berufswahl begleiten ihn schon durch seine Vikariatsjahre fast ständig. So schreibt er schon 1827 an Friedrich Kaufmann:

"...als junger Prediger steht unsereiner unter ganz besonders lähmenden Gesangbucheinflüssen... Ich möchte oft im eigentlichen Sinne des Wortes hinaus, wo kein Loch ist ..."

Und an seinen Studienfreund Ludwig Bauer schreibt er ein Jahr danach:

"...Ich kann und kann eben nicht predigen und wenn Du mich auf die Folter spannst."

Besonders bezeichnend für seine innere Zerrissenheit erscheinen mir die Zeilen von 1829 an Johannes Mährlen:

"...Mit Knirschen und Weinen kau ich an der alten Speise, die mich aufreiben muß. Ich sage Dir, d e r allein begeht die Sünde wider den heiligen Geist, der mit einem Herzen, wie ich, der Kirche dient...".

Auch als ständiger Pfarrer in Cleversulzbach sagt er, der angenehmste Tag für einen Pfarrer sei der Montag, wo er den abgelegten Ranzen noch auf dem Buckel spüre.

Trotzdem waren die neun Jahre in Cleversulzbach die glücklichsten seines Lebens. Nicht daß er untätig gewesen wäre. Er machte sich viel im Garten zu schaffen, zeichnete, gravierte, schnitzte, hielt sich Haustiere. Überhaupt hatte er zu Tieren sein ganzes Leben lang ein inniges Verhältnis. Davon gibt ein lustiger Brief an Theodor Vischer im Jahre 1832 Zeugnis, wo er schreibt:

"...Ich halte mir einen Staren... das wäre was für Dich! Tu Dir doch einen ein. Auf den Frühling wenigstens in Dein Schlafzimmer. Du hast tausend Freuden von dem Spitzbuben. Nur Eins bedingt er sich aus, und diese Kondition zählt er Dir gleich in der ersten Minute, da er ins Zimmer steigt, ärschlings auf den Boden...

Er nahm seinen Nachtsitz neulich auf dem Rand meines Potchambers... Um ein Uhr wach ich auf und mache mein klein Geschäfte, sehe den Halunken im Mondschein, wie er verwundert umguckt, sich aber nur auf eine andere Seite rückt und übrigens nichts dagegen hat, daß ich den Strahl neben ihm hinablasse. Mit wahrer Rührung stellte ich das Gefäß ganz sachte wieder an seinen Ort, und er und ich schliefen wieder ein."

Oder 1840 an Hartlaub nach Wermutshausen:

"... Der Star, der Distelfink, der Igel, Hund und Katze geben auch noch immer ihren Teil zur Unterhaltung ab. Gestern hab ich die Menagerie in folgende Tierklassen eingeteilt: 1. stinkende und zugleich singende, 2. rein singende, 3. rein stinkende, 4. solche, die weder stinken noch singen, unter welche letztere der Joli und die Katze zu kommen sich schmeicheln"

(Dieses anschauliche Beispiel verwendet der Verfasser gerne in Mathematik - Mengenlehre - Schnittmengen)

Und zum Schluß noch die fröhliche Nachricht an die Familie Hartlaub im Pfarrhaus zu Wermutshausen:

"Die kleine Wermutshauser Katze fing am 24. abends in der Küche ihre erste gleichfalls kleine Maus. Es sah höchst zierlich aus, wie sie das Arme in den Zähnen hielt... Vier Hände streichelten sie hochlobend..."

Neben dieser fröhlichen Anteilnahme an den kleinen Dingen des täglichen Lebens fühlte er sich jedoch seinen Amtsgeschäften nicht gewachsen. Schon vom 2. Amtsjahr hatte er ständig einen Vikar, der ihm in steigendem Maße das abnahm, was eigentlich s e i n e s Amtes gewesen wäre. Er machte nach außen hin den Eindruck eines richtigen Faulenzers.

"Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
dem Kuckuck horchend in dem Grase liegen;
er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen
im friedevollen Gleichklang seiner Klage.
Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage,
den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,
hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
wo ich auf eigne Weise mich behage..."

In dieselbe Kerbe haut auch heute noch der Wermutshäuser Kirchenpfleger, der allen Besuchern zu erzählen weiß, Mörike habe oft im Pfarrhausgarten auf einer Bank gelegen und habe nach Art der Dichter in den Himmel geguckt. Wenn die Bauern auf ihren Fuhrwerken langsam die Steige am Pfarrhof vorbei zu ihren Äckern hinausfuhren, dann hätten sie mit ihren langen Peitschen zu ihm hingezeigt und gesagt: "Do guckt nou, do licht er wieder, der Faulenzer".

(Was ich im übrigen nicht ganz glauben kann, da der Franke in der Regel seine Meinung nicht so offen zu sagen pflegt.)

Inzwischen treffen wir in Cleversulzbach 1842 auf einen Erlaß des Konsistoriums, ...falls er seine Pfarrstelle künftig nicht ohne Gehilfen versehen könne, müsse er seine Pensionierung einreichen, dieses erfolgte dann auch im Juni 1843 unter ausführlicher Schilderung des Gesundheitszustandes:

"Ein allgemeines Schwächegefühl, das mich seit Jahren eigentlich nie verlassen hat und sich bei jeder Art von länger fortgesetzter Anstrengung, vornehmlich bei der physisch geistigen der öffentlichen Rede, zeigte, ist kürzlich infolge meiner neu übernommenen ungeteilten Amtstätigkeit in erhöhtem Maße eingetreten. Vermehrter Blutandrang nach dem Kopfe, Schwindel, Kopfschmerzen, ein heftiges, nicht selten die Sprache hinderndes Herzklopfen und gegen das Ende ein auffallender Nachlaß der Kräfte waren die Anzeigen, die meine neuesten Vorträge und kirchlichen Verrichtungen teils begleiteten, teils ihnen folgten...."

Der Konstitutionsforscher und Psychiater Ernst Kretschmer hat versucht, mit der Diagnose "vegetative Dystonie" die Summe der Mörike'schen Krankheitsgeschichte zu ziehen. Ursachen mögen neben einem Augenleiden sein krankes Zahnsystem als Infektionsherd der rheumatischen Beschwerden, dazu seelische und erbliche Belastungen gewesen sein. Dazu kommt noch der schmerzliche Widerspruch zwischen der eigenen Glaubensnot und den Forderungen des Amtes, wie eingangs schon angeführt.

So legte er also sein Amtssiegel aus der Hand, das, wie er der kleinen Agnes Hartlaub erzählte, an die drei Zentner gewogen habe. Wilhelm H a r t l a u b, vom Uracher Seminar und Tübinger Stift her mit Mörike in herzlicher Freundschaft verbunden, war seit 1830 Pfarrer in Wermutshausen. Es war dies eine Freundschaft, wie wir sie uns heute nicht mehr recht vorstellen können. Einige Auszüge aus Briefen des Dichters an seinen "Urfreund" mögen dies veranschaulichen:

"... die Liebe eng verbundener Freunde, wie wir sind, ist ein Wunder, und zwar das schönste, das es geben kann, worüber sich das Herz, auch ohne äußere Veranlassung oft plötzlich in seliges Staunen verliert..."

"... es ist nun einmal wahr, und warum soll ich Dir's nicht wiederholen, da mich das Herz antreibt: Ich weiß neben Bruder und Schwester kein anderes Menschenkind, verlange auch nach keinem, bei dem ich mich so wie bei Dir daheim befände, d.h. so innig in mir selber bleiben könnte..."

"... Gewiß, ich weiß jetzt auf der Welt rein nichts, gar nichts, worauf ich mich mehr freuen könnte, als mit Euch wieder ein Weilchen zu verleben..."

Mit 39 Jahren war Mörike nun ein freier Mann, frei von dem drückenden Predigtamt und all den vielen sonstigen Obliegenheiten seines Amtes, ausgeliefert aber auch einer ungewissen Zukunft, da seine Pension von 280 Gulden jährlich hinten und vorne nicht ausreichte. So muß ihm die Einladung nach Wermutshausen wie ein Geschenk des Himmels vorkommen. Tiefe Dankbarkeit spricht aus dem Brief Mörikes an Hartlaub und seine Frau Konstanze: "...Himmlische Menschen seid ihr, das ist wahrt Ein Übergang durch Wermutshauser Freundschaftsluft in eine neue Wohnstätte wird, wenn es auch nur ein kurzer wäre, uns unsern Aus- und Einzug und säglich erleichtern..."

Aus diesem "kurzen Besuch" wird ein Aufenthalt von über einem halben Jahr. Seine Gesundheit besserte sich ohne den Druck des Amtes sichtlich, unausbleibliche Geldsorgen werden durch Hartlaubs Gastfreundschaft, die selbstverständlich auch des Dichters Schwester Klara einschließt, und gelegentliche Darlehen überbrückt. In dieser Wermutshäuser Zeit beginnen auch die Aufzeichnungen im Haushaltungsbüchlein der Mörikes mit dem 16. Oktober 1843. Es sind bescheidene Ausgaben, die der Haushalt der Geschwister erfordert. Getreulich verzeichnet und addiert: Weck, Milch, Holz, Porto, Lichter ... so geht es weiter auf den ganzen neun Seiten des halben Jahres, das Eduard und Klärle bei Hartlaubs verbringen. Über die allerdringendsten Bedürfnisse hinaus geht nur Mörikes Tabak, gelegentlich eine kleine Summe für Schokolade, wohl als Ausgleich für die Schwester, und einigemal einige Kreuzer für eine Zeche in Niederstetten.

Und doch wird es für alle Beteiligten eine reiche Zeit, in denen Mörike und Hartlaub dem "Genius der Freundschaft" huldigen. Mörike schreibt in dieser Zeit an einen Freund:

"...sonst wird den Tag über meistens geschwätzt, abends Klavier gespielt, gelesen bis jetzt nichts..."

Oder an Karl Mayer:

"Nun bin ich seit drei Wochen hier (in Wermutshausen) bei meinem Freund Hartlaub und bringe, der frischen Luft wegen, beinah den ganzen Tag in einer Gartenlaube liegend zu. Das Gärtchen ist an einem Abhang, nächst dem Haus und der Kirche, von der alten Mauer eines ehmals befestigten Kirchhofs gedeckt. Ich esse dort, zwei von den Kindern tragen ihren Teller, mir zur Gesellschaft, auch heraus, und zum Mittagskaffee kommt hier alles zusammen. Da wird geplaudert, vorgelesen, wir holen Birn und Pflaumen mit Stangen von dem Baum, erwarten das Aufgehn der ungeheuren Prachtblume von einem Cactus nycticallus, oder beobachten, wie gestern, die Herrlichkeit eines Gewitters. Unter dem vollkommensten Regenbogen, den ich vielleicht in meinem Leben sah, flog eilig eine Schar von weißen Tauben auf grauem Grunde hin...".

Mörikes dichterische Produktion ruhte fast ganz in Wermutshausen. Und dennoch kann die Bedeutung dieses Pfarrhauses kaum überschätzt werden. Hier atmete er Freundschaftsluft. Hier war er ganz einfach glücklich. Theodor Heuß sagte einmal: "Die herzliche Wärme dieses Pfarrhauses in Wermutshausen schenkte ihm zwischen mancher innerer Unruhe die Sicherheit zu neuem Wagnis." Und der Mittelpunkt des Pfarrhauses ist der geradlinige, der bibelfeste, der für Mörike wie ein sicherer Fels wirkende Hartlaub.

Durchs Fenster schien der helle Mond herein,
du saßest am Klavier im Dämmerschein,
versankst im Traumgewühl der Melodien
ich folgte Dir an schwarzen Gründen hin,
wo der Gesang versteckter Quellen klang
gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang.
so wunderbar empfand ich es, so neu,
daß noch bestehe Freundeslieb und Treu!
Ich sah Dein hingesenktes Angesicht
im Schatten halb und halb im klaren Licht;
Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll,
wie mir das Auge brennend überquoll.
Da tritt Dein Töchterlein mit Licht herein,
ein ländlich Mahl versammelt groß und klein,
vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut,
verklingend so des Tages Lieblichkeit.

A g n e s

Ein besonders inniges Verhältnis schien auch zwischen dem damals neunjährigen Pfarrerstöchterlein Agnes (sprich: Angnes) und dem "Märchenonkel." Eduard bestanden zu haben.

Oft mögen sie des Abends miteinander auf dem steinernen Bänklein vor dem Pfarrhaus gesessen sein, das noch heute dort zu finden ist, und unter den Rauchkringeln aus Mörikes langer Pfeife spannen sie wohl miteinander die schönsten Geschichten, von Wichtelm'innern, Drachen, Zwergen und holden Frauen. Ein kleines Lied ist aus dieser Zeit überliefert, das der Märchenonkel für die kleine Agnes verfertigt hat:

Kinderlied für Agnes Hartlaub

Dort an der Kirchhofsmauer,
da sitz ich auf der Lauer,
da sitz ich gar zu gern,
es regt sich im Holunder,
es regnet mir herunter
Rosin und Mandelkern.
Waldwibichlein, das kleine,
das goldige, das feine,
das hat es mir gebracht.
Es hat ein Schloß im Berge,
das hüten sieben Zwerge,
darin ist große Pracht.
Und es hat mir versprochen:
in aber hundert Wochen,
wenn Agnes wacker sei,
dann käm es mit dem Schlitten,
zu Gaste mich zu bitten -
da seid fein auch dabei .

Mörike erinnert sich selbst an einen Scherz mit der Agnes und beschreibt diesen in einem Brief an Hartlaub:

"...Ich stand vor dem Rasierspiegel und schund mir die Haut. Agnes, die einzige Person, die ich bei dieser Verrichtung wohl um mich leiden kann, saß ein paar Schritte hinter mir im großen Sessel und hörte aufmerksam den Versen zu, die ich dazwischen _aus dem Stegreif machte. Ihr künftiger Abgang von hier (wohl von einem Besuch der Agnes in Cleversulzbach) war der Gegenstand des kläglichen Gedichts. Sie war zuletzt ganz still, nachdem sie bei den ersten Strophen, wo Ihr kommt und aussteigt, viel gelacht hatte. Am Ende aber, als es hieß:

Jetzt, Klärchen, scheid ich aus dem Haus
brich mir den letzten Blumenstrauß,
gib mir den letzten Abschiedskuß,
weil ich so weit von hinnen muß -

bemerkte ich durch den Spiegel, daß ihr die hellen Tränen über die Backen schlichen. Natürlich wurde sogleich die heiterste Wendung gemacht und alles wieder ausgelöscht. Doch sagte sie nachher den andern, die Abschiedslieder möge sie nicht. Das Auswendiglernen wird ihr sehr leicht. Klärchen und Lotte haben ihr neulich Goethes Erlkönig eingeübt, um mich durch eine Deklamation zu überraschen. Ich merkte etwas und fing einmal des Abends unvermutet ganz feierlich an: Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?... - aber nicht weiter.

Sie war aus dem Himmel gefallen... Um sie zu trösten, machte ich eine närrische Manipulation, wodurch man alles wieder vergessen könne, indem ich mit gespreizten Fingern mir mehrmals durch die Haar aufwärts strich und bei wieder versuchter Rezitation auch sogleich merklich fackelte, was sie unendlich freute. Verirrungen, wie folgende, ließen das Beste hoffen:

"Siehst, Vater, Du den Erlkönig nicht,
den Erlkönig mit Kran und Schweif?"
"Ach, Sohn, das ist Rauch aus meiner Rauchtabakspfeif."

Am Ende war das Gedicht so entstellt, daß man es wirklich nicht mehr kannte; denn es wurde mit dem heftigen Frisieren immer aufs neue angefangen. Zuletzt lenkte ich zu ihrer völligen Beruhigung in das Lied ein "Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!" - wobei nur noch die schwache Spur von Reiten übrig blieb."

Aus der Salzstadt Schwäbisch Hall schrieb er später dann den "ersten Salzbrief":

"... Zwar ist darin nicht, wie wir es uns vorgestellt, alles von Salz, doch sind's die vornehmsten Gebäude als: das Rathaus, der große Marktbrunnen... die prächtige Sankt Michaelskirche... Was die Privatgebäude anbelangt, so sein sie wohl mehrenteils von Stein. Wenigstens hab ich, auf meinem Umgang durch die Hauptstraßen, etliche und zwanzig Häuser mit der Zunge betast und probiert, aber auch nicht den mindesten Salzgehalt vermerken können."

So verrinnen die sonnigen Tage in Wermutshausen. Um die Jahrhundertwende gab es noch Leute im Dorf, die sich an den merkwürdigen Besucher im Pfarrhaus erinnern konnten, der am hellichten Werktag spazieren ging oder gar, wie eingangs erwähnt, vom Pfarrgarten aus rücklings in den Himmel guckte.

Gerne suchte er auch die Eberhardsquelle in dem benachbarten Ebertsbronn auf, dessen Wasser er schätzte. Sie heißt heute natürlich "Eduard-Mörike-Quelle" und versorgt neugefaßt drei. Dörfer mit dem wertvollen Naß.

Ein beliebtes Ziel bleibt die Laudenbacher Bergkirche, ein bekannter Wallfahrtsort mit einem wunderschönen Gnadenbild

"O liebste Kirche sondergleichen
auf deinem Berge ganz allein,
im Wald, wo Linden zwischen Eichen
ums Chor den Maienschatten streun...";

Gerne begibt man sich nach dem vertrauten Mergentheim, "Merchedol" genannt, um die scheußlich schmeckenden aber heilkräftigen Wasser zu schlürfen.

"Wer müd vom Leben oder krank,
dem ist zu helfen, Gott sei Dank,
wenn er sich kann vergunnen
den Mergentheimer Brunnen..."

ein eifriger Sammler von Versteinerungen und sicherlich hat er auch bei uns auf Steinriegeln und in Steinbrüchen mit Erfolg gestiert, geklopft, gezeichnet, notiert und eingesackt. Wo der Liebhabergeologe seine Funde aufbewahrt hat, darüber ist nichts überliefert, vielleicht unter der Bettlade. Aber ich könnte mir vorstellen, daß aus dieser Liebhaberei bei den gelegentlichen Ortswechseln Probleme erwuchsen.

Aus Briefen und Erzählungen ist zu entnehmen, daß die Freunde gerne die umliegenden Wälder aufsuchten, so den prächtigen Weidenseewald, der unweit des nach Art der hohenlohischen Dörflein in einer windgeschützten Senke liegenden Fleckens beginnt. Hierbei suchten sie den Amtsbruder Wolf in Rinderfeld auf, nicht immer mit Erfolg, wie ein später entstandenes Gedicht beweist:

Im leeren Pfarrhaus (zu Rinderfeld)

Ein Gesellschäftlein trat an gar nicht ohne Schrecken,
denn ach, weder Frau noch Mann war da zu entdecken.
Von gewohnter Gastfreundschaft tat man vieles schwatzen
Manchmal kam er mit schweren Kitteltaschen heim. Er war nämlich
bei betrübtem Gerstensaft und bei Judenmatzen.
Sah sich Deine Kätzin an, hörte Deinen Gimpel,
und dazwischen spielte man auf dem Klavizimbel.
Und so ließ man sich zumeist die Partie nicht dauern,
war des Wolfen Friedensgeist doch in diesen Mauern.

Das merkwürdigste Dokument des Wermutshäuser Aufenthalts bleibt aber das für Hartlaub gemalte farbige Aquarell mit dem Blick durch das Schlüsselloch der Wermutshäuser Dorfkirche, mit dem Blick auf einen Teil der "Ansbacher Wand", mit Kanzel und Epitaph. Hier entpuppt sich Mörike wieder einmal mehr als der "spiriguckes", der durch die Schlüssellöcher seiner Umwelt hindurch das nach außen Kleine und Unbedeutende zu entdecken und darzustellen weiß und ihm den wahren Stellenwert zuordnet. Bezeichnend ist aber auch das Motiv: Mörike späht in die Kirche, er selbst bleibt draußen.

Wer am frischgeschnitzten Wanderstab auf Mörikes Spuren den Hauch biedermeierlicher Idylle sucht, der kann hier in Wermutshausen noch etwas spüren davon in einer Mittagstunde, vielleicht im Herbst,

wenn "der blaue Himmel unverstellt
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fließen ..."

und dies unter den zwei mächtigen Fichten, die die alte Kirche umwehen, oder unter den baumstarken Haselnüssen über der halbzerfallenen Kirchhofsmauer, oder unter dem uralten Lebensbaum in des Schulmeisters Garten, auf dem der Waldkauz seine Tagesruh genießt und mißtrauisch auf die Knaben und Mädchen blickt, die den ehemaligen Kirchhof zum Tummelplatz ihrer Spiele erkoren haben. Oder der Wanderer auf Mörikes Spuren trete ein in die Kühle der kleinen Dorfkirche, wo nach Aussage empfindsamer Leute die guten Geister ihr Zuhause haben wie hundert und mehr Jahre zuvor. Oder er lasse sich schließlich nieder auf dem kleinen steinernen Bänklein vor dem Pfarrhaus ohne Pfarrer und halte einen Schwatz mit dem Kirchenpfleger oder mit dem Schulmeister, solange es die beiden noch gibt in Wermutshausen...

Die Mörikes zogen im Frühling des Jahres 1844 weiter nach Hall am Kocher, genannt Schwäbisch Hall. Doch wurden sie dort nicht heimisch. Schon im Spätherbst des gleichen Jahres lassen sie sich in Bad Mergentheim nieder. Die Gründe zu diesem neuerlichen Ortswechsel waren wohl das milde Klima der Badestadt, die heilkräftigen Quellen, die vertraute Umgebung, und sicherlich nicht zuletzt die Nähe der Freunde in Wermutshausen. In Mergentheim hat der Dichter auch den Nachsommer einer späten Liebe erlebt mit allen Höhen und schmerzlichen Tiefen. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

"Herr schicke, was Du willt,
ein Liebes oder Leides.
Ich bin vergnügt, daß beides
aus Deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden ..."

Nachwort

Der Verfasser dieser Blätter ist als Jüngling während seiner Schulzeit in Neckarsulm erstmals über ein freiwillig übernommenes Referat mit Mörike in Berührung gekommen. Zusammen mit einem gleichgesinnten Freunde hat er daraufhin die Mörikestätten in Neuenstadt und Cleversulzbach, später auch in der weiteren Umgebung bis hin zur letzten Station im Stuttgarter Pragfriedhof besucht.

Die Tätigkeit als Lehrer im Mörikedorf Wermutshausen erneuerte die Kontakte mit dem Dichter und seinem Werk und fand unter anderem den Niederschlag in den vorliegenden Blättern, die sowohl für Besucher der Mörikestätte in unserem Dorf wie auch als Lesebögen für Schüler gedacht sind. Daher rührt auch manche vielleicht befremdliche Vereinfachung oder Verbreiterung.

Wermutshausen im Frühling 1975, dem 100.Todesjahr des Dichters

Hans Brucklacher, Schullehrer