Der Komponist Friedrich Witt aus Niederstetten

Der Komponist Friedrich Witt aus Niederstetten

Von Ernst Häußinger


Aus: Württembergisch Franken. Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken. Band 57. Schwäbisch Hall 1973, S. 137-142


Am 8. November 1970 gedachte die Stadt Niederstetten des 200. Geburtstages ihres Sohnes, des Komponisten Friedrich Witt, mit einem Festkonzert in der St. Jakobskirche. Mitglieder des Stuttgarter Kammerorchesters, das Streichquartett Michael Wieck, Erika Beck-Ehrlinspiel, Enrique Santiago und Siegfried Barchet, ferner Gerhard Haas (Fagott) und Franz Zubal (Klavier) spielten Werke von Friedrich Witt: Streichquartett in C-Dur, Fagott-Quartett in F-Dur, drei Allemanden für Klavier und das Klavierquintett op. 6. Die folgende Monographie ist die verkürzte Fassung des Vortrages, den der Verfasser bei diesem Konzert gehalten hat.

Im Jahre 1790 begab sich Joseph Haydn von Wien aus auf seine erste Londoner Reise. Der 58jährige Kapellmeister war in diesem Jahre pensioniert worden, nachdem sein Gönner Fürst Nikolaus von Esterhazy gestorben und die Eisenstadter Hofkapelle aufgelöst worden war. Joseph Haydn konnte nunmehr der Einladung englischer Freunde folgen. Bei dieser Gelegenheit machte Joseph Haydn auch für zwei Tage im Riesstädtchen Wallerstein halt. Der Grund dafür war eine ebenso herzliche wie dringende Bitte des regierenden Fürsten Kraft Ernst von Oettingen-Wallerstein um einen Besuch. Mit der Regierungsübernahme dieses Fürsten 1773 begann in Wallerstein eine Blütezeit der schon unter seinem Vater bestehenden Hofkapelle. Das Wallersteiner Orchester gewann europäischen Ruf dank der vorzüglichen Virtuosen, die der Fürst vor allem aus Böhmen holte. Der Dichtermusiker und Publizist Christian Friedrich Daniel Schubart wird nicht müde, in seinen Schriften die Güte des Wallersteiner Orchesters zu loben. Am Hofe wurde vornehmlich Kammermusik und sinfonische Musik gepflegt. Der Fürst hatte für seine Kapelle einen eigenen Intendanten bestellt, seinen Adjutanten Hauptmann Ignaz von Beecke, der selbst als Pianist und Komponist einen hervorragenden Ruf genoß. Im Jahre 1775 hatte Beecke mit dem jungen Mozart in München einen musikalischen Wettstreit ausgetragen, und 1790 spielte er in Frankfurt bei einem Konzert mit Mozart vierhändig. Anläßlich seiner Reise nach Frankreich 1777 besuchte Mozart Beecke und das Wallersteiner Orchester auf dem fürstlichen Sommerschloß in Hohenaltheim im Ries. Wegen der Hoftrauer kam aber ein Konzert vor dem Fürsten nicht zustande. Unter der Intendanz Beeckes leitete der berühmte böhmische Kapellmeister Rösler, der seinen Namen in Rosetti italienisiert hatte, das Orchester. Unter ihm musizierte ein gutes Dutzend bekannter Virtuosen, wie der Klarinettist Beet, der Oboist Berwein, der Geiger Janitsch u. a. Aus unserem Lande sind nur drei Musiker vertreten, nämlich der Waldhornist Nisle von Geislingen/St., der Cellist Patil Winneberger aus Mergentheim und der Cellist Friedrich Witt aus Niederstetten, der damit Mitglied eines berühmten Orchesters geworden ist. Der Fürst war immer bemüht, die neuesten Werke der bekanntesten Komponisten seiner Zeit für seine Kapelle zu bekommen. Davon zeugt der reiche Musikalienbestand der Hofkapelle, der heute auf Schloß Harburg im Ries aufbewahrt wird. Am Hofe wurden Werke von etwa 30 zeitgenössischen Komponisten gespielt, darunter auch eine größere Anzahl Werke von Kapellmitgliedern, so auch von Winneberger und Friedrich Witt. Besonders reich wurde das kompositorische Schaffen Joseph Haydns gepflegt. Über 100 Sinfonien Haydns haben sich in der Harburger Bibliothek erhalten, darunter mehrere Unika, weiterhin Briefe aus der Korrespondenz des Fürsten mit dem Komponisten, darunter 4 Originalbriefe Haydns.

Im Wallersteiner Archiv sind über Friedrich Witt nur wenige Unterlagen vorhanden. Da ist zunächst das Anstellungsdekret vom 21. Januar 1790, das besagt, daß Wirt aus Mergentheim (!) seit dem 1. Oktober mit einem Jahresgehalt von 300 Gulden beim Hoforchester angestellt sei. Witt war damals 18 Jahre alt. Ob er vorher in Mergentheim gewohnt hat, ist zweifelhaft, sonst würde er vermutlich als Musiker des Deutschordens bekannt sein.

Das Leben Friedrich Witts läßt sich nicht lückenlos darstellen, da manche Unterlagen vernichtet wurden. Geboren wurde er am 8. November 1770 in Niederstetten, das damals nach dem Schloß der Hohenlohe Haltenbergstetten genannt wurde. Der Vater, Johann Caspar Witt, stammte aus Römhild im Meiningenschen. Er heiratete nach seiner Anstellung als Schuldiener, Kantor und Gerichtsschreiber in Niederstetten die Bäcker -und Bürgermeisterstochter Anna Maria Hamel. Beide hatten zusammen 8 Kinder, sechstes war Jeremias Friedrich, der Komponist. Der Vater starb 1776 mit 46 Jahren. Die Mutter heiratete, wie es damals üblich war, den Nachfolger ihres ersten Mannes, den aus Lendsiedel stammenden Schulmeister Heinrich Vollrath Düring, der wiederum schon 1791 mit 39 Jahren starb. Aus der zweiten Ehe wurden vier Kinder geboren. Ein Sohn, Johann Georg Heinrich Düring, starb, wie aus dem evangelischen Niederstettener Taufregister hervorgeht, als hochverdienter Musiker in Frankfurt am Main. Aus dessen Selbstbiographie erfahren wir auch einiges aus der Jugendzeit Friedrich Witts. Düring beschreibt darin liebevoll das Familienleben, in dem die Stiefgeschwister offenbar recht harmonisch zusammenlebten. Die ganze Familie sei sehr musikalisch gewesen, alle Kinder hätten den Musikunterricht des Vaters Düring im Gesang, im Orgel- und Instrumentarspiel genossen. Sehr viel Freude hatte alle Jahre das adventliche Singen der Schuljugend vor den Häusern der Einwohner Niederstettens gebracht, wobei es üblich war, die jungen Singer mit Geld und Gebäck zu belohnen. Vor den Häusern der Honoratioren sei eine besonders reiche Quartettmusik üblich gewesen, bei der die Kinder Witt und Düring vornehmlich beteiligt waren. Abends spielten die Kantorskinder gerne zum Tanze auf. Friedrich Witt war schon ein gewandter Geiger, und Heinrich Düring kratzte aus dem Kopf den Baß dazu. Schmerzlich war es für Heinrich, als der Stiefvater den anscheinend recht. gut begabten Friedrich auf das Heilig-Geist-Gymnasium nach Nürnberg brachte, wo er sich auf das Studium der Theologie vorbereiten sollte. Allein Friedrichs Studien kamen anscheinend nicht recht voran, wie Düring berichtet. Generalbaßlehre und Instrumentalspiel hätten ihn mehr interessiert. Dazu habe er offenbar in Nürnberg viel Gelegenheit gehabt, sich hierin zu üben. Friedrich habe damals - er muß um 15 Jahre gewesen sein - schon eine Reihe guter Quartette komponiert. Nach zwei Jahren fügte sich der Stiefvater dem Wunsche Friedrichs, sich ganz der Musik widmen zu dürfen, und brachte den musikalischen Jungen zum Kapellmeister Anton Rosetti nach Wallerstein. Sicher mußte er dort unter strenger Zucht ein bis zwei Jahre seine technischen und theoretischen Kenntnisse in der Musik vervollständigen, ehe er 1789 in die berühmte Wallersteiner Hofkapelle aufgenommen wurde. Seinen Stiefbruder Heinrich Düring holte er übrigens, als dieser 12 Jahre alt war, nach Wallerstein. Bei den Piaristen sollte dieser seine Schulbildung vervollkommnen, dazu erhielt er Instrumentalunterricht durch ein Mitglied der Hofkapelle, durch den Fagottisten Hopius. Im Jahre 1793 begleitete Düring seinen Stiefbruder auf einer Konzertreise, welche dieser mit dem berühmten Klarinettisten Beer nach Coburg und Weimar unternahm. Am Weimarer Hof habe eine Sinfonie von Friedrich Witt besonders reichen Beifall gefunden, schreibt Düring in seiner Lebensdarstellung. Für Heinrich Düring begann übrigens in Weimar ein abenteuerliches Musikleben. Er ließ sich mit 15 Jahren als Militärmusiker anwerben, wurde mit 18 Jahren Kapellmeister im französischen Revolutionsheer und machte viele Feldzüge Napoleons mit, die ihn kreuz und quer durch Europa führten. Später befruchtete er als Theatermusiker, Gründer des ersten Oratorienvereins und als Komponist das Musikleben der Stadt Frankfurt am Main.

In der Wallersteiner Bibliothek hat sich die Kopie eines Briefes von Friedrich Witt vom 31. Juli 1796 aus Wien erhalten, in dem er vom musikalischen Leben in der österreichischen Hauptstadt berichtet. "Wir leben hier", so schreibt er, "recht vergnügt. Es gibt viele Vergnügungen aller Art im Überfluß. Am Samstag ist sogar schon morgens um sieben Uhr ein Konzert im Augarten. Vorgestern habe ich dort bei einem Konzert eine Sinfonie von mir aufgelegt, und Johann Beet, der Klarinettist, hat ein Konzert von mir gespielt. Vermutlich hat der Kapellmeister es schon vorher ausposaunt, daß es gut sei; denn es waren Wransky, Girowetz und Vater Haydn dabei." (Paul Wransky war Hofkapellmeister in Wien und Albert Gyrowetz Dirigent der Hofoper, neben Haydn waren sie die führenden Persönlichkeiten des musikalischen Wiens). Mit Stolz berichtet Wirt weiter, daß höchste Herrschaften geruhten, dem Konzert beizuwohnen, so ein Herzog, eine Erzherzogin und andere hohe Persönlichkeiten. Mit etwa 100 Personen sei der Saal gesteckt voll gewesen. Der Klarinettist Beer habe sich, wie Witt schreibt, bei einem früheren Konzert des Hofkapellmeisters Wransky, bei dem er zwei Klarinettenkonzerte von Wirt geblasen habe, in einem solchen Ruf gesetzt, daß jedermann begierig war, ihn auch bei diesem Konzert zu hören. Er habe sich, schreibt Friedrich Witt, königlich gefreut, in Wien, in der musikalischen "Hohen Schule", solchen Beifall zu finden. Sein Freund Beer habe aber auch wie ein Gott geblasen, und die schönen Gesichter der Damen müßten dazu beigetragen haben, daß er das Adagio so schmelzend geblasen habe. Seitdem, schreibt Witt, seien schon mehrere Anfragen nach Konzerten für andere Instrumente bei ihm eingegangen.

Aus dem Brief ist zu entnehmen, daß der nun 26jährige Friedrich Witt noch unverheiratet war und daß er es schon zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte. Von den Kompositionen, die Witt erwähnt, nämlich von den Konzerten ist augenscheinlich nicht viel erhalten. Witt hat Kompositionen solcher Art, unter denen sich sicher auch Konzerte für sein eigenes Instrument, das Violoncello, befunden haben mögen, als sein persönliches Eigentum wohl immer bei sich gehabt, während andere Werke, wie Sinfonien und Werke für Bläser, in der Regel nach der Aufführung in den Besitz des fürstlichen Arbeitgebers übergingen. Wie sehr man z. B. Witt als Komponist in Wallerstein geschätzt haben mag, geht daraus hervor, daß in der fürstlichen Bibliothek in Harburg gedruckte Werke Witts erhalten sind, die erst lange nach dessen Weggang von Wallerstein herauskamen. Daß von dem evangelisch getauften Friedrich Wirt auch zwei Werke der katholischen Kirchenmusik erhalten sind, braucht nicht wunderzunehmen; es gehörte zu den Aufgaben der Kapellmitglieder, bei der Kirchenmusik mitzuwirken und auch kirchliche Kompositionen zu liefern. Die Konfessionszugehörigkeit der Orchestermitglieder spielte in der Regel bei Hofkapellen keine Rolle.

Anders wird es mit der Konfessionszugehörigkeit bei der nächsten Stelle Witts gewesen sein, nämlich beim Kapellmeisteramt bei der fürstbischhöflichen Kapelle in Würzburg, das er 1802 antrat, nachdem er sich offensichtlich seit 1796 auf Konzertreisen befunden haben muß, denn ein ständiger Aufenthaltsort ist für diesen Zeitraum nicht feststellbar. Die Würzburger Stelle war in der Hauptsache ein kirchenmusikalisches Amt. Man muß also annehmen, daß Wirt vor Annahme dieses Amtes konvertiert hatte. Wenn auch die Würzburger Hofmusik zeitenweise, etwa unter dem musikfreundlichen Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim, auch eine kurze, aber bedeutsame Blütezeit der sinfonischen und Kammermusik, dazu eine intensive Theaterpflege erlebte, so war im ganzen doch ihr Hauptanliegen, besonders während der Direktion Witts, die Kirchenmusik im Dom und in der Schloßkapelle. Dies belegen die Verzeichnisse der Notenbestände und die Kompositionstätigkeit der Würzburger Hofkapellmeister.

Die Aufwendungen für die Würzburger Hofkapelle waren, verglichen etwa mit dem Wallersteiner oder gar des Stuttgarter Musiketats, eher bescheiden. Witt schlug deshalb schon zu Beginn seinem Fürstbischof Georg Karl vor, zur Heranziehung des musikalischen Nachwuchses und um teure "ausländische" Musiker einzusparen, die Errichtung einer Akademie für Tonkunst ins Auge zu fassen, welche den Namen "Georgiana" erhalten sollte. Diese Absicht ist deswegen bemerkenswert, weil die heute noch als Würzburger Staatskonservatorium bestehende Lehranstalt als älteste deutsche Ausbildungsstätte für Musiker zwei Jahre später unter der Leitung des Universitätsmusikdirektors F. J. Fröhlich ins Leben gerufen wurde. Mit der Gründung der Musikschule war den Kapellmitgliedern Gelegenheit geboten, durch Unterricht ihren schmalen Sold etwas aufzubessern. Darüber hinaus bestand die Absicht, die Einrichtung der sog. Winterkonzerte, welche die Hofkapelle gegen Eintrittsgeld für die Bürgerschaft veranstaltete, mit der Organisation der Musikschule zu verbinden.

Als Friedrich Wirt am 15. April 1802 zum Hofkapellmeister ernannt wurde, da rühmte das Anstellungsdekret seine ausgezeichneten theoretischen und praktischen Kenntnisse in der Tonkunst, seine bewährte Geschicklichkeit und seinen guten Geschmack in der Komposition, wie auch seine guten und höchst gefälligen menschlichen Eigenschaften. Sein Jahresgehalt betrug anfangs 130 Gulden in bar, dazu erhielt er 12 Malter Korn, 12 Malver Weizen und 12 Karren Brennholz. Die bischhöfliche Kapelle beim Dorn bestand bis 1814. Ob Witt seit 1803, dem Jahre der Säkularisation des Fürstentums Würzburg, Kapellmeister beim weltlichen Nachfolger der Herrschaft Würzburg, bei dem Großherzog von Toscana, den Napoleon als Entschädigung für die Okkupation oberitalienischer Gebiete mit dem Großherzogtum Würzburg, beliehen hatte, gewesen ist, läßt sich bisher mit Sicherheit nicht nachweisen, obwohl ein Musiklexikon dies behauptet. Als dieses Gebiet 1813 endgültig an die Widersacher Krone fiel, übernahm Witt die Kapellmeisterstelle am kurz zuvor gegründeten bürgerlichen Stadttheater in Würzburg. Witt starb am 3. Januar 1836, 65 Jahre alt, in Würzburg. Unterlagen hierüber, auch über seine Familienverhältnisse, sind im Bombensturm des Zweiten Weltkrieges vernichtet worden.

Das kompositorische Werk Friedrich Witts umfaßt neben den Stücken für Kirchenmusik, das sind Messen und Kantaten u. a. für den Dienst am Würzburger Dom, vor allem Konzerte, Kammermusikwerke und Sinfonien, die in letzter Zeit zahlreicher aufgefunden wurden. Solche liegen handschriftlich vorwiegend auf der Harburg, in Wiesentheid, in Wertheim und in Donaueschingen sowie in München. Gedruckt wurden vor allem neun Sinfonien für großes Orchester bei André in Offenbach, erhalten fast vollzählig in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Universitätsbibliothek Münster. Eine merkwürdige Sinfonie befindet sich auf Schloß Langenburg, die türkische Nr. 6, welche neben der üblichen Streicher- und Bläserbesetzung in der Partitur auch Pauken, große Trommel, kleine Trommel, Triangel, Becken und anderes Schlagwerk ausweist. Die Nachahmung türkischer Militärsmusik war um diese Zeit sehr in Mode. Für das Würzburger Theater schrieb Witt das komische Singspiel "Das Fischerweib" 1807, für Frankfurt eine Oper "Palma". Daneben bereicherte Witt die Kammermusikliteratur durch eine Anzahl Streichquartette, ein Klavierquintett, Kammermusik mit Bläsern, Konzerte für Flöte, Harfe, Violoncello, Horn und Klarinette, Klaviertrios und Partiell für Bläser. Die gedruckten Werke dieser Gattung sind meist bei Breitkopf und Härtel in Leipzig erschienen. Von den kirchenmusikalischen Werken wäre noch eine Kantate "Die Auferstehung Jesu" zu erwähnen, von weltlichen Chorwerken die Kantaten „Z e vier Menschenalter" und „Zum Beschluß des 18. Jahrhunderts" und "Deutscher Gruß an Deutsche".

Friedrich Wirt steht in der Grenze zwischen höfischer und bürgerlicher Musikpflege: Seine Stellung in der Musikgeschichte kennzeichnet folgende Begebenheit: Im Jahre 1911 fand der Jenaer Universitätsmusikdirektor Fritz Stein, ein Schüler Max Regers, in der Universitätsbibliothek die handgeschriebenen Stimmen einer Sinfonie in C-Dur, deren eine den Vermerk "par Lokils van Beethoven" trug. Die Entdeckung erregte damals keine geringe Sensation, glaubte man doch ein unbekanntes Frühwerk Beethovens aufgefunden zu haben. Fritz Stein gib diese Sinfonie in Druck, sie wurde wiederholt aufgeführt. Max Reger arrangierte sie vierhändig für Klavier, und die Musikgelehrten beschäftigten sich kritisch mit dem Werk. Man stritt sich über die Autorenschaft Beethovens hin und her, wenn man auch dem Werk allgemein gute Qualitäten zubilligte. Schließlich entdeckte man vor etwa 20 Jahren im thematischen Verzeichnis der Musikalien des Stifts Göttweig in der Wachau die Satzanfänge der umstrittenen Sinfonie mit dem Beisatz "von Friedrich Witt" und nicht lange darauf auch die Stimmen der Sinfonie mit der Autorangabe Witt. Damit war der Streit zugunsten Witts entschieden, aber auch ein Werturteil über Friedrich Witts kompositorisches Können ausgesprochen.

Wenn auch eine musikkritische Untersuchung der Werke Witts noch aussteht, so kann doch gesagt werden, daß sich Witt mit seinem Lehrmeister, dem Wallersteiner Anton Rosetti, wohl messen kann; wenn er auch an sein zweites Vorbild, an Joseph Haydn, in Erfindung und geistigen Gehalt nicht heranreicht, so fesselt er doch durch eine gewandte Satzkunst und eine natürliche Melodiefindung, die ihn zu beachtlichen Leistungen befähigten.

Verzeichnis der erhaltenen Werke Friedrich Witts:

1. Septett in F-Dur, bei Schott in Mainz. Verwahrungsorte: Heidelberg, Uni-Bibl.; Bay. Staatsbibliothek, München; Münster, Uni-Bibl.
2. Sinfonie Nr. 1 in Es-Dur, bei André in Offenbach. Bayr. Staatsb.; UB Münster; Verlagsarchiv André.
3. Sinfonie Nr. 2 in D-Dur, bei André. Verwahrung w. Nr. 2.
4. Sinfonie Nr. 3 in F-Dur, bei André. Verwahrung w. Nr. 2.
5. Sinfonie Nr. 4 in Es-Dur, bei André. Uni.-Bibl. Münster; Donaueschingen.
6. Sinfonie Nr. 6 in A-Dur (türkische), bei André. Langenburg; André.
7. Sinfonie Nr. 7 in C-Dur, bei André. Uni-B. Münster.
8. Sinfonie Nr. 8 in F-Dur, bei André. Harburg.
9. Sinfonie Nr. 9 in d-Moll, bei André. Harburg; München, Bay. St. Bibl; Drei Sinfonien ohne nähere Bezeichnung liegen in der Gräfl. Schönbornschen Musikbibliothek in Wiesentheid.
10. Drei Allemanden für Klavier. Fürstl. Fürstenbergische Hofbibl., Donaueschingen.
11. Adagio und Allegro für Bläser, Fürstl. Löwenstein-Wertheim-Freudenberg'sche Privatbibliothek.
12. Menuett für Bläser (Variationen über Mozarts Menuett aus Don Giovanni).
13. Stücke für Harmoniemusik.
14. Armonia dolorosa für Bläser.
15. Rezitativ und Arie für Sopran u. Orch.
16. Konzertino in Es-Dur für Orchester.
17. Streichquartett in C-Dur.
18. Drei Streichquartette.
19. Hornquartett. Verwahrungsort der Nummern 12-19 wie Nr. 11.
20. Eine Messe.
21. Eine Pange Litigua, 1793.
22. Konzert für Horn und Orchester.
23. Concertino für 2 Hörner u. Orchester.
24. Zwei Partien für Bläser in Es-Dur.
25. Eine Partie für Bläser in F-Dur, 1790 (Autograph).
26. Eine Partie für zwei Bläser in F-Dur, 1791 (Autograph) Verwahrungsort der Nummern 20-26: Fürstl. Oettingen-Wallersteinsche Bibliothek auf Schloß Harburg. Dort auch 7 Sinfonien.
27. Bläserquintett mit Klavier. Leipzig, Privatbesitz.
28. Fagottquartett in F-Dur.
29. Streichquartett in C-Dur.
30. Klavierquintett in c-Moll, op. 6.
In Privatbesitz von Studiendirektor Ernst Albrecht, Bad Mergentheim, befinden sich die Nummern 28-30. Ernst Albrecht hat auch die Verwahrungsorte von Nummer 10 an aufgespürt und das Konzert in Niederstetten zum Geburtstage Witts vorbereitet.

Hauptsächlich benutzte Quellen und Literatur:

Fürstl. Oettingen-Wallerstein'sches Archiv, Dienstakten 111 7/ Ile, Friedrich Witt.
Ludwig Schiedermair, Die Blütezeit der Oettingen-Wallerstein'schen Hofkapelle, Sammelband der Int. Musikges. IX Heft i, Leipzig 1907.
A. Diemand, Joseph Haydn und der Wallersteiner Hof, Zs. d. Histor. Vereins für Schwaben u. Neuburg, 43. Bd., Augsburg 1921.
Oskar Kaul, Geschichte der Würzburger Hofkapelle im 18. Jahrhundert., 1924.
Oskar Kaul, Friedrich Witt, MGG 14, 2740.
Caroline Valentin, H. Düring, der Begründer des 1. Frankfurter Gesangvereins, Alt-Frankfurt, Jg. V, 1913, Heft 1, S. 35 ff.