Johann Andreas Amon

 

Johann Amon

Bemerkung zum Neudruck seines op. 41

 

 

Dieser von Allen, die ihn kannten, geschätzte Tonkünstler starb am 29sten März dieses Jahres zu Wallerstein, als fürstlicher Kapellmeister. Gerber muss über ihn und seine Arbeiten sehr wenig unterrichtet gewesen seyn: (Siehe dessen Neues Tonkünstler-Lexikon1, wo jedoch sein Name unrichtig Ammon gedruckt ist) um so lieber werden wenigstens diejenigen, die früher oder später mit ihm in einigem nähern Verhältnisse gestanden haben, hier etwas Bestimmteres aus sicherer Quelle über ihn lesen.

Er war 1763 in Bamberg2 geboren und wurde schon als Knabe für die Tonkunst gebildet. Die erste Hofsängerin daselbst, Fracasini, unterrichtete ihn im Gesange, besonders für die damals ausgezeichnete Kirchenmusik; und der Concertmeister Bäuerle in der Instrumental-Musik, besonders im Violinspiel. Da seine Knabenstimme gebrochen war, fasste er eine besondere Liebe zum Waldhorn und suchte auf diess Instrument überzutragen, was die Singstimme nicht mehr vermochte. Punto, damals der berühmteste aller Hornisten, lernte ihn kennen, half seinem Fleisse nach und nahm ihn mit auf seinen Reisen durch Frankreich und Deutschland. So waren Beyde 1781 und 1782 in Paris, wo A. auch bey Sacchini Unterricht in der Composition nahm. 1783 besuchten sie andere grosse Städte Frankreichs, bis sie 1784 über Strassburg, ihre deutsche Reise begannen und länger oder kürzer in Frankfurt, Aschaffenburg, Leipzig, Dresden, Berlin etc. verweilten. Später gingen sie nach Wien und hielten sich dort länger auf. Auf diesen Reisen secundirte A. den Punto und dirigirte die von diesem gegebenen Concerte. An jedem dieser Orte ward A. mit den vorzüglichsten Meistern seiner Kunst bekannt, und fand bey ihnen, da auch sein jugendlich bescheidenes, munteres und angenehmes Wesen Allen gefiel, gute Aufnahme. Besonders rühmte er in dieser Hinsicht Hiller in Leipzig, Reichardt, Düpont, Haak, Gros und die Mara in Berlin, so wie später in Wien Haydn, Mozart, Vanhall und Hoffmeister. Durch nähere Bekanntschaft mit solchen Männern und ihren Werken erweiterte er seine Kenntnisse und befestigte seinen Geschmack. Aber seine Brust ward schwach, und diess nöthigte ihn, sein bisheriges Lieblingsinstrument aufzugeben. Violine, Viola und Pianoforte setzte er an dessen Stelle; übte sie fleissig, und, ohne dass er jemals eigentlicher Concertspieler auf einem derselben wurde oder seyn wollte, lernte er sie doch meisterlich behandeln. Zu einem ausdauernden Aufenthalt und Amte gelangte er 1789, und zwar als Musikdirector zu Heilbronn, wo er auch fast dreyssig Jahre die Liebhaberconcerte dirigirte; hernach, 1817, als Kapellmeister des Fürsten von Wallerstein, an dessen Hofe er den Rest seines Lebens tätig zubrachte.

Von frühen männlichen Jahren an bis zu seinen letzten Tagen widmete er seine beste Zeit und seine besten Kräfte der Composition. So wurde die Zahl seiner Arbeiten sehr gross und weit grösser, als diejenigen wissen, welche ihm nicht näher standen; denn nicht wenige sind ungedruckt geblieben und von den gedruckten gewisse Gattungen nicht zahlreich in die Weite verbreitet worden. Lärmen und Aufsehen in der Welt haben sie nicht gemacht; dazu waren sie nicht geeignet und er gleichfalls nicht: aber Vielen haben sie Vergnügen, angenehme und nützliche Unterhaltung gebracht. In eine nähere Kritik derselben wollen wir uns hier nicht einlassen; es bedarf deren auch um so weniger, da über verschiedene in früheren Jahrgängen dieser Zeitung von Kennern ist gesprochen, und nicht mit Schmeicheln, aber mit ruhigem, angemessenem Beyfall geurtheilt worden. Auch ein vollständiges Verzeichniss seiner Compositionen zu geben, enthalten wir uns, wiewohl wir es liefern könnten. Die gedruckten sind erschienen bey Imbault und Pleyel in Paris, bey Castaud in Lyon, bey Bossler in Speyer, bey André in Offenbach, bey Simrock in Bonn, bey Falter in München, bey Gombart in Augsburg etc. Sie bestehen in Duos, Trios, Quartetten, Quintetten etc., in Symphonien, Sonaten, Variationen, Märschen, leichten Handstücken für's Pianoforte, Tänzen etc; für den Gesang, in zwey Messen (darunter die eine, deutsch, vom Fürsten von Oettingen-Wallerstein gedichtet), kleineren Kirchenstücken, Cantaten, Arien, deutschen Liedern, italienischen Canzonetten etc; Auch zwey Operetten hat er geschrieben. Kurz vor seinem Tode schrieb er noch eine Musik zur Begleitung der Gebete während der Messe für Verstorbene. Diese Musik erklärte er selbst für seinen Schwanengesang und bat, als er den Tod nahen fühlte, dass man sie während der Messe für ihn selbst aufführen möchte. Die fürstl. Wallersteinsche Kapelle erfüllte diesen Wunsch bey dem zweyten Gottesdienste für ihn, ihren entschlafenen Anführer und Freund. Unter seinen ungedruckt gebliebenen Compositionen sind 27 fast aus allen oben angeführten Gattungen der Instrumentalmusik, auch deutsche Lieder, und ein deutsches Requiem.

Amon war ein erfahrener Director (Orchestermusik dirigirte er mit der Violin, Gesang mit dem Pianoforte); ein sorgfältiger Lehrer des Gesanges und fast aller Instrumente, da er sie alle kannte, vorzüglich des Klaviers, der Harfe und der Guitarre, worauf er denn auch geschickte Schüler und Schülerinnen hinterlassen hat; am ausgezeichnetsten spielte er selbst Violine oder Viola im Quartett und bey Begleitung des Pianoforte. Von Charakter war er ein redlicher, gutmüthiger Mann, sittig, gefällig und zuvorkommend, ein angenehmer Gesellschafter, ein inniger Freund seiner Freunde; übrigens ein grosser, schlanker, schöner Mann. Er hinterliess eine Wittwe, vier Söhne und eine Tochter. Einen Sohn, der von frühester Zeit an ausgezeichnete Talente und Geschicklichkeit in der Musik und in der Zeichenkunst bewiess, hatte er das Unglück, erwachsen und schon von nicht geringem Ruf, durch den Tod zu verlieren. _ Alle, die den geschickten, fleissigen, guten und angenehmen Mann gekannt haben, werden ohne Zweifel, was hier über ihn geschrieben worden ist, im Geiste unterzeichnen, und seiner immer mit Achtung und Zuneigung gedenken.

(Nekrolog. In: Allgemeine musikalische Zeitung. 27. 1825. No. 22, Juni 1825, Sp. 365-368)

 

Für das musikalische Leben Heilbronns im ausgehenden 18. Jahrhundert spielte Johann Andreas Amon eine wichtige Rolle. Die Stadtbücherei Heilbronn, die sich der verschütteten musikalischen Tradition der Stadt3 verpflichtet fühlt und durch Veranstaltungen und Veröffentlichungen bewußtseinsbildend tätig sein will, hat wiederholt auf Amon hingewiesen: Im Dezember 1994 wurde im Rahmen einer Ausstellungseröffnung Amons Sonate für Klavier und Violine D-Dur op. 71 aufgeführt, im März 1995 wurden - ebenfalls zu einer Vernissage - mehrere Lieder Amons zu Gehör gebracht, unter anderem die hier im Neudruck vorgelegten Trois chansons italiennes, op. 41, die 1806 im Druck erschienen sind.

Unser Neudruck soll interessierten Musikern und Musikinteressierten einen leichteren Zugang zu den Noten ermöglichen. Mein Dank gilt Hans Wolf Baron von Gemmingen-Hornberg, der die Druckvorlage4 freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

 

Heilbronn, 28. März 1995 Günther Emig

 

Anmerkungen:

1 Gerber, Ernst Ludwig: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler. Band 1. 1812.

2 Richtiger Geburtsort nach Lebermann: Drosendorf am Eggerbach. Vgl. Lebermann, Walter: Bio-bibliographische Bemerkungen zu Johann (Andreas) Amon. In: Die Musikforschung. 34. 1981. S. 191-201. [Mit zahlreichen kritischen Anmerkungen zu Wolfgang Matthäus' MGG-Artikel über Amon in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 15. Kassel u. a.: Bärenreiter Verlag 1973, Sp. 187-190. _ Als neuere Arbeit über Amon sei genannt: Louise Goldberg u. Wolfgang Sawodny: Johann Andreas Amon und seine Solo-Werke für Viola. In: Die Viola. Jahrbuch der Internationalen Viola-Forschungsgesellschaft. 1979. Kassel u. a.: Bärenreiter Verlag 1979, S. 7-20]

3 Zur Musikszene Heilbronns Ende des 18. Jahrhunderts in Heilbronn siehe meinen Aufsatz: Die Musikgeschichte Heilbronns zur Mozartzeit. Eine Skizze. In: Ernst von Gemmingen (1759-1813): Vier Konzerte für Violine und Orchester. Vorgelegt von Andreas Traub. München: Strube 1994. (Denkmäler der Musik in Baden-Württemberg. 2), S. XVI-XXV.

4 Über die Musikbibliothek auf Burg Hornberg siehe: Die Musikabteilung in der Privatbibliothek der Freiherren von Gemmingen-Hornberg, Burg Hornberg. Katalog. 1993. 35 Bl., sowie: Traub, Andreas: Die Musikbibliothek des Ernst von Gemmingen. In: Mozart Studien. Band 3. Tutzing: H. Schneider 1993, S. 69-78.