Friedrich August Weber

Weber (F. A.)

Doctor der Arzeneykunst und Stadtphysikus in der Reichsstadt Heilbronn am Nekar, geb. daselbst am 24. Jan. 1753; gehöret bey seinen sich auszeichnenden Verdiensten als Arzt und Schriftsteller in seinem Fache, zugleich zu denen jetzt lebenden erfahrensten musikalischen Dilettanten und was noch mehr ist, zur Zahl unserer einsichtsvollen und aufgeklärten musikalischen Schriftsteller. Ein doppelter Vorzug, der ihn allerdings berechtiget, in diesem Werke, als Dilettant, einen größern als gewöhnlichen Platz einzunehmen. Eine vollständige, wohlgeschriebene und durchaus interessante Heilbronn am Nekar, geb. daselbst am 24. Jan. 1753; gehöret bey seinen sich auszeichnenden Verdiensten als Arzt und Schriftsteller in seinem Fache, zugleich zu denen jetzt lebenden erfahrensten musikalischen Dilettanten und was noch mehr ist, zur Zahl unserer einsichtsvollen und aufgeklärten musikalischen Schriftsteller. Ein doppelter Vorzug, der ihn allerdings berechtiget, in diesem Werke, als Dilettant, einen größern als gewöhnlichen Platz einzunehmen. Eine vollständige, wohlgeschriebene und durchaus interessante musikalische Biographie, welche ich von diesem würdigen Manne in Händen habe, setzt mich in Stand, das Nöthige hier beyzubringen. Zugleich aber muß ich gestehen, daß mir die Abkürzung und Wahl unter diesen meisterhaft geordneten Materialien, schwer wird.

Ohne die geringste Neigung zur Musik, bis in sein sechstes Jahr, an sich spüren zu lassen, wurde auf einmal 1759 durch die beyden Augsburgischen Harfenisten Widmann und Saueraker, welche sich in Heilbronn hören ließen, die Begierde in ihm erregt, auch ein Harfenist zu werden. Da sich aber diese beyden Künstler nur kurze Zeit daselbst aufhielten; so schickte ihn sein Herr Vater, dasiger Stadtarzt, um sein Verlangen nach Musik zu befriedigen, in die öffentliche Singstunde und übergab ihn zugleich der Unterweisung eines Chorschülers, Namens Hering, im Klaviere. Eine gefährliche Halsentzündung beraubte ihn aber bald seiner Singstimme, so daß er schon in seinem achten Jahre seine musikalischen Bemühungen einzig und allein auf das Klavier einschränken mußte.

Schon vor dieser Krankheit war sein Lehrer auf die Akademie nach Erlangen gegangen und erst zwey Jahre nach dessen Abgange, wurde er durch den Unterricht des Stadtorganisten in seinen bisherigen eigenen Uebungen unterstützt. Er lernte bey selbigem den Generalbaß, und in der Folge auch die Flute à bec. Das Akkompagnement seines Lehrers auf einer Stockgeige, zu seinen Generalbaßstücken, erregte in ihm die Begierde, auch die Violin zu erlernen. Er erhielt aber, außer der Haltung des Instruments, den Strich und der Tonleiter ohne Applikatur, weiter keine Anweisung von selbigem. Dennoch konnte er, wie er sich ausdrückt: in kurzer Zeit sich mit einem jeden Bierfiedler in einen musikalischen Wettstreit einlassen.

Nachdem er in Jahresfrist schon ziemliche Fortschritte im Generalbasse gethan hatte; lag er seinem Lehrer an, ihm auch Unterricht in der Komposition zu ertheilen. Nach langen Solicitationen zeigte dieser ihm endlich, wie man es machen müsse, ein Stück in Partitur zu bringen und gleich des andern Tages producirte der Schüler eine kleine Arie. Und da dieser erste Versuch gelang, folgten selbigem 1769 noch viel mehrere dergleichen nach.

Die Gelegenheit, welche er unterdessen gefunden hatte, auf der Violin vom Herrn Pirker, Gatten der berühmten Sängerin, nach den Grundsätzen des Tartini unterrichtet zu werden, hatte ihn 1767 zu der Stelle eines zweyten Violinisten beym Hommlingschen Conzerte zu Heilbronn verholfen. Auf Anrathen dieses Lehrers, kauften ihm auch seine Eltern Mozarts Violinschule. Ein Geschenk, das ihm um desto nöthiger wurde, da sich Pirker nach einem dreymonatlichen Unterrichte, auf 2 Jahre von Heilbronn entfernete.

Dies Buch, die Uebungen im Conzerte und die vortreflichen Lehren der Madam Pirker in Beziehung auf Geschmack und Vortrag, so, wie die Opern, welche er 1769 zum erstenmale zu Ludwigsburg hörete, hatten einen sehr merklichen Einfluß auf seine Tonkünstlerfortschritte. Auch sein Klavierspielen gewann 1769 bey der Ankunft eines großen Meisters, des Hauptmanns Berke, zu Heilbronn, unendlich dadurch, daß er, nachdem er selbigen gehöret hatte, nicht eher ablies, bis er einige von dessen gestochenen Klavierstücken erhalten hatte: diese spielete er so lange, bis ihn sein Gehör überzeugte, daß er in seinem Vortrage, dem Ausdrucke des Herrn Hauptmanns nahe komme. Die Komposition hatte er unterdessen fleißig fortgesetzt. Auch brachte er, zu einer besondern Uebung, in selbiger Zeit, manches Werk anderer Meister in Partitur.

Ehe er 1770 die Akademie zu Jena bezog, that er noch zuvor eine Reise zu seinen Verwandten nach Ludwigsburg, wo er außer dem mannichfaltigen Schönen, so er von der dasigen großen Meistern hörete und lernete, noch insbesondere von dem berühmten Schubart ganz zum Klavierspieler gebildet wurde.

In Jena fand sich ein Stillstand von drey Jahren in seinen musikalischen Uebungen, welcher nur bey kleinen Reisen nach Weimar, durch das Anhören der daselbst blühenden Opern und durch die lehrreichen Unterhaltungen eine Schweitzer und Göpfert, unterbrochen wurde. Noch weniger geschah in Göttingen, wo er sich 1773 hin begab, um den Gradum anzunehmen. Doch unterlies er nicht an beyden Orten, dann und wann etwas an Quartetten oder Violinconzerten zu setzen. Auch nützte er insbesondere die vortrefliche Bibliothek am letztern Orte, wo er abwechselnd die Werke eines Bachs, Marpurgs und ältere Theoretiker mit Fleiß, mit Büchern seiner Wissenschaft studirte.

Im Jahr 1774 kehrte er als gradirter Arzt in sein Vaterstadt zurück. Hier traf er die Musik eben nicht in den besten Umständen an. Zwar fieng der dasige ausländische Adel in Verbindung der vornehmsten Häuser an, Operetten einzustudiren und aufzuführen, wobey auch er als Violinist mit würkte. Allein bey der vierten Operette, trennte sich die Gesellschaft schon wieder. Er schrieb in dieser Zeit, außer verschiedenen Instrumentalstücken für dasiges Conzert, auch die Arien zu den beyden Operetten: Der Teufel ist los und Der lustige Schuster.

Aber noch nie hatte seine Muse mehrerern Nahrung erhalten, nie war sein Geschmack an Musik mit mehreren Vergnügen befriedigt worden, als während den drey Jahren und sieben Monaten, welche er in Bern zubrachte und wohin er im Herbste des 1777stes Jahres die Reise antrat. Sein erster Gewinn, dessen er sich daselbst zu erfreuen hatte, war der Unterricht des Ritter Esser auf der Viola d'Amour, welcher ihm die Herstellung seiner Gesundheit zu danken hatte. Eine andere schätzbare Bekanntschaft mit dem berühmten Pugnani, verschafte ihm manchen guten Aufschluß im Fache der musikalischen Aesthetik. Der Vortrag eine Bruni und Viotti auf der Violin und eines Heinmelpauer auf dem Violonzell, waren eben so viel Muster, nach denen er sich bildete. Eine Menge von außerordentlich geschickten Dilettanten und Dilettantinnen, reizten ihn unaufhörlich, mit ihnen gleiche Fortschritte zu halten. Die häufigen Conzerte, worinne er bald als Sänger, bald als Violinist, und bald selbst als Tonsetzer auftrat, trugen am meisten hierzu bey. Man legte ihm sogar Kompositionen zur Kritik und Durchsicht vor, und freuete sich der Verschönerungen der Stücke, die selbige durch seine Verbesserungen erhielten.

Nach Verlauf dieser angenehmen Jahre, sahe sich Herr Dokt. Weber in dem Besitze von drey Violinen, deren er nur zwey mitgebacht hatte, und einer Viola d'Amour. Und, wäre er nicht darum betrogen worden, auch eines Hollischen Fortepiano. Seine Musiksammlung hatte sich so sehr gemehrt, daß er, nachdem er das beste für sich davon ausgesucht hatte, zwey Centner von weniger guten Stücken, an seine musikalischen Bekannten überlassen konnte.

Auf seiner Rückreise in seine Vaterstadt, errichtete er zu Bibrach noch mit dem berühmten Kirchenkomponisten Knecht, eine vertraute Freundschaft, welche noch jetzo durch einen lehrreichen Briefwechsel unterhalten wird. In Heilbronn endigte er seine Abhandlung, von dem Gebrauche der Musik in der Medicin, an welcher er seit ihrer Ausgabe, noch manche Verbesserung zum Behuf einer bald zu erfolgenden Ausgabe, hinzugefügt hat.

Im Jahr 1782, gerade zur Zeit seiner Verheyrathung, hörete er zu Ludwigsburg, bey Anwesenheit des Großfürsten, die Opern Callirrhoe von Sacchini: Dido von Jomelli und mehrere von Paisiello. Seit der Zeit haben Häufung von Berufsgeschäften, Bedürfniß, in der Cultivierung seiner Studien mit seinem Zeitalter in gleichem Schritte fortzurücken, Verwicklung in die Angelegenheit der Magnetisten u.s.w. den praktischen Uebungen einigermaßen Einhalt gethan; so, daß er das Conzertspielen andern überläßt und sich damit begnügt, seinen Platz im Orchester so zu besetzen, daß er nicht für einen Strohmann zu rechnen ist. Doch giebt er uns die angenehme Hofnung, er werde sich bemühen, seine Tonwissenschaft und Setzkunst aus dem drohenden Schiffbruche zu retten. Von welcher Versicherung ich dem Leser, in dem Verzeichnisse seiner Werke, bereits die angenehmsten Beweise vorlegen kann.

Ueberdies rechnet er es sich zum Vergnügen, jungen Tonkünstlern und Dilettanten "durch Beyrath, Darreichung von Subsidien, Leitung ihres Kunst-Studiums und Hinweisen auf die Beyspiele großer Meister, nützlich zu seyn."

Folgende theils schon gedruckte, theils zum Drucke fertige Abhandlungen, haben wir seiner geschickten Feder zu danken: 1) Charakteristik der Singstimmen und einiger gebräuchlichern Instrumente. Vollständig abgedruckt in seiner Uebersetzung Tissots von den Nerven, auszugsweise, in der Speierischen musikal. Realzeitung, Jahrgang 1788. 2) Bemerkungen über die Violin und das Violinspielen, mit einigen sich darauf beziehenden Notentafen. Ebenfalls in der Speier. musik. Realzeitung, Jahrg. 1788 und der dazu gehörigen Anthologie. 8 [recte: 3]) Practische Abhandlung von der Viole d'Amour, und den Verbesserungen, die derselbe bey der Behandlung dieses Instruments angebracht hat, gleichfalls mit einigen sich darauf beziehenden Notentafeln. In dem Jahrgange 1789 obiger Realzeitung. 4) Abhandlung von der Verbesserung der italiänischen Tabulatur zum Gebrauche der Clavierspieler, mit einer Suite selbst gesetzter Claviersonaten, worinne das Practische der angegebenen Verbesserungen gezeigt wird. Ebenfalls für die Realzeit. und Anthologie bestimmt. 5) Lucubrationen über die Lehre vom Contrapunct. 6) Musurgischer Briefwechsel, über einzelne Gegenstände der musikalischen Aesthetik, und Zergliederungen von Werken großer Tonkünstler nebst Parallelen letzterer enthaltend. 7) Mehrere kleine und große Aufsätze musikalischen Inhalts sowohl in der Realzeitung, als auch in mehrern gelehrten Zeitungen. 8) Horazens Dichtkunst nach Ramlers Uebersetzung mit Anmerkungen für Tonsetzer und Tonkünstler. Gleichfalls für die Realzeitung bestimmt.

Unter seinen praktischen Musikwerken hält er nachstehende, denen er das Siegel der Vollendung aufgedruckt zu haben glaubt, dermalen für würdig, dem Publikum vorgelegt zu werden: 1) i Pelligrini al Sepolcro etc. Oratorium von Pallavicini, für 3 wesentl. Singstimmen, einen Baß bey den Chören und 9 Instrum. die Partitur hält 80 Bogen: 2) Weihnachtsoratorium von Metastasio für 3 wesentl. Singstimmen und 8 Instrum. nebst einer Einleitungssimfonie a 10 und einem Prolog a 11. Die Partitur mit vorigem in gleicher Bogenzahl: 3) Die Tugend schrecket kein Weltgericht. Geistliche Kantate für 4 wesentl. Singstimmen und 9 Instrum. Partit. a 10 Bogen. 4) Schön ist die blühende Natur. Geistl. Cantate für gleiche Anzahl Stimmen und Instrum. Partitur a 20 Bogen. 5) Alles ist euer, Worte des ewigen Lebens. Geistl. Terzett mit 9 Instrum. Partit. a 30 Bogen. 6) Lobet den Herrn alle Heiden. Motette a 4 Singst. und 17 Instrum. inclusive der Janitscharenmusik. Das Halleluja ist im Fugensatze ausgearbeitet. Die Partit. a 30 Bogen. 7) Grablied auf einen in der Schlacht gebliebenen jungen Helden von Weiße a 4 Singst. und 8 Instrum. Partit. a 12 Bogen.

Für Instrumente:

X Oeuvres für die Violine d'Amour, bestehen aus einem 9stimmigen Conzerte, mehrerern Dutzend Quartetten, Quintetten und Trios, sowohl eigene Erfindung, als Stoff von andern Meistern dem Charakter des Instruments gemäß umgearbeitet. Ein Flötenconzert a 11; Ein Hornkoncert a 9: Ein Trio für 2 Flügel und 1 Violin: Sinfonie a 2 Violin. 2 Bratschen, 2 Violonz. und 2 oblig. Contrabassen: Sinfonie a 8, für 2 gebundene und 2 ungebundene Violin., 2 Bratsch., 1 gebund. Violonz. und Baß. Sinfonie, betitelt Die Eroberung von Okschakow a 17 nebst einer Janitscharenmusik: La Capella oggraziata. Sinfonie a 10. Ein Versuch einer Parodie der Capella disgraziata von Jos. Heydn: Eine Pastoralsimfonie a 10, das Finale eine Fuge: Sinfonie concertante a 10, zum Finale eine Fuge: Sinfonie a 10, mit einem Tambour de Basque und einem Echo von Flöten, welche in ein Nebenzimmer zu stellen sind. III Klaviersonaten für 4 Hände: Alte Komponisten in neuen Röcken, d. i. Themata von alten Tonsetzern mit Variationen fürs Klavier. Der im Journal von Deutschland im Clavier ausgedruckte Rundgesang, mit 13stimmiger Instrumentalbegleitung: Drey Orchester-Quartetten, mit willkührlicher Begleitung zweyer Posaunen und Clarinette, auf diese Art als Sinfonie zu brauchen: Ein Quintett mit zwey englischen Violetten (Die Applikatur findet sich in der Realzeitung.) Neue musikalische Blumenlese in 3 Theilen, für Gesang und Klavier.

Der Herr Doktor erbietet sich, die Copien dieser Werke, um billige Preise denen Liebhabern zu überlassen.


(Ungekürzter Nachdruck aus: Historisch-Biographisches Lexicon der Tonkünstler, welches Nachrichten von dem Leben und Werken musikalischer Schriftsteller, berühmter Componisten, Sänger, Meister auf Instrumenten, Dilettanten, Orgel- und Instrumentenmacher, enthält; zusammengetragen von Ernst Ludwig Gerber, Fürstlich Schwarzenburg-Sonderhausischen Kammermusikus und Hof-Organisten zu Sondershausen. Zweyter Theil, N-Z. Nebst einem sechsfachen Anhange. Leipzig: Johann Gottlob Immanuel Breitkopf, und Compag. 1792. Sp. 771-777)


 

Weber (Dr. Friedrich August) - Noch immer der Kunst getreu, fährt dieser verdienstvolle und erfahrne Dilettant ununterbrochen fort, unsere Literatur von mancher Seite zu bereichern und manches darin noch öde liegende Feld anzubauen. Folgende Kinder seiner Muße haben wir ihm seit der Erreichung des a. Lex. Zu danken, wovon besonders die Abhandlung von der Singstimme alles Wissenswürdige erschöpft, war nur über diesen Gegenstand gedacht oder gesagt werden kann. 9) Schreiben an Hrn. V. in K von der komischen Schreibart und ihren Grenzen in praktischen Musikwerken. S. Mus. Korrespond. 1792. S. 363. 369. 10) Von der Singstimme, ihren Krankheiten und Mitteln dagegen. S. Leipz. Mus. Zeit. Jahr. II. S. 705. 721. 737. 774. 785. 801. 11) Schreiben, über komische Charakteristik und Karikatur im praktischen Musikwesen: verfaßt im J. 1792, mit Zusätzen vom Jahre 1800. S. Leipz. Mus. Zeit. Jahrg. III. S. 137. 12) Abhandl. Über die Ausbildung und Veredlung des mus. Gehörs. S. Leipz. Mus. Zeit. Jahrg. III. S. 469. 485. 501. 13) Von dem Einfluße der Musik auf den menschlichen Körper und ihrer medizinischen Anwendung. Ebend. Jahrg. IV. S. 561. Er starb zu Heilbronn am 21. Jan. 1806, nach einem Nervenfieber von wenigen Tagen.

(Gerber NTL. Band 4. 1814)